Der Maler

Hermann K. Ehmer begann bereits als Kind zu zeichnen und zu malen. Neben Portraits und Stillleben wandte er sich schon in seiner Jugendzeit der Landschaftsmalerei zu, die dann in seiner späten Schaffensperiode das zentrale Sujet darstellte.

Mit dem Studium der Bildhauerei verlegte er den Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens für einige Jahre auf das Plastizieren. In der Zeit von circa 1950 bis Mitte der 1970er Jahre entstand eine große Anzahl von Tier- sowie Portrait- und Aktplastiken.

Das Malen beendete Hermann K. Ehmer vorerst bereits Ende der 1960er Jahre, um sich bald ausschließlich seiner pädagogisch-wissenschaftlichen Arbeit als Universitätsprofessor zu widmen.

Erst 1985 nahm er im Rahmen universitärer praktischer Seminare seine Maltätigkeit wieder auf. Bis einige Jahre vor seinem Tod (2016) schuf er nun ein umfangreiches malerisches Werk, das neben zahlreichen Aquarellen wohl nahezu 1000 Gemälde umfasst.

 

Der folgende Text zur Malerei von Hermann K. Ehmer ist – gekürzt und leicht verändert – Teil der Eröffnungsansprache von Annegret Jürgens-Kirchhoff zur Ausstellung „Wasser, Wüste, Weite“ von Hermann K. Ehmer im Hanauer Kulturverein, Remisengalerie, Schloß Philippsruhe in Hanau am Main am 12. September 2009.

Stilistisch unterscheiden sich Hermann K. Ehmers frühe Bilder erheblich von denen der späteren Jahre. Was eher spätimpressionistisch und dann expressionistisch mit vehement aufgetragenen pastosen Farben begann, wandelte sich in den 90er Jahren, wurde einfacher und strenger und mündete nach 2000 in stark abstrahierenden, zuweilen fast minimalistischen Kompositionen, in denen der Pinselduktus, die persönliche Handschrift, stark zurücktrat.

Hermann K. Ehmer malt Landschaft. Er ist ein Landschaftsmaler, obwohl er auch anderes gemalt hat – Interieurs, Stillleben, Porträts, Figurenbilder. Es scheint jedoch, dass keine andere Gattung dem malerischen Interesse Ehmers so sehr entgegenkommt wie die Landschaft. Das hat sicher mit persönlichen Vorlieben zu tun. Aber wohl auch damit, dass die Landschaft den modernen Künstlern – und Ehmer ist ein moderner – neue malerische Möglichkeiten bot. Sie eröffnete einen bis dahin nicht gekannten Freiraum oder Spielraum, in dem die Maler prüfen konnten, was es mit der Autonomie der Kunst auf sich hat und wie weit einer malerisch gehen kann, ohne das Thema Landschaft zu verlassen.

In der Hierarchie der künstlerischen Gattungen war die Landschaft lange Zeit auf die unteren Ränge verwiesen. (An oberster Stelle glänzte die Historienmalerei.) Erst im 19. Jahrhundert, mit der Entwicklung der Moderne, stieg die Landschaftsmalerei in den Rang einer bevorzugten Gattung auf, die es schon den so genannten Vätern der Moderne – Cézanne, van Gogh, Gauguin, Seurat – erlaubte, nicht nur ihre Motive neu zu formulieren, sondern auch wie nie zuvor ihr Metier, die Malerei, selbst zu reflektieren. Die künstlerischen Mittel, Farbe und Linie, malerische Techniken, Duktus und Bildträger wurden selbst zu Motiven der künstlerischen Arbeit. Ihre Verselbständigung lässt sich auch in anderen Gattungen der Malerei beobachten, besonders aber in der Landschaft. Hermann K. Ehmer hat diesen Freiraum genutzt wie vor ihm schon Willem de Kooning, Mark Rothko, Per Kirkeby und viele andere.

Hermann K. Ehmer gab seinen Bildern Titel, die benennen, was er uns zeigt: Münsterlandbilder, Küstenbilder, Wolkenhimmelbilder, Strandnotizen, Bilder von den Geröll- und Sandwüsten Marokkos, von der Po-Ebene in Oberitalien, von Feldern unterschiedlicher Art. Gleichwohl ist die Beobachtung nicht falsch, dass Ehmer zunehmend von den Motiven einer augenvertrauten Welt abstrahierte, dass er seine Bildwirklichkeit nicht selten an der Grenze zur Ungegenständlichkeit ansiedelte. Aber er verlässt das mimetische Bild der Landschaft, das, was wir Abbild nennen, nicht, weil an dessen Stelle das abstrakte, auf kein Thema und auf kein Motiv mehr rekurrierende Bild treten soll. Diese Gemälde sind Teil verschiedener Serien, die es erlauben, das Thema Landschaft zu variieren und damit zu zeigen, dass Landschaft kein Zustand, keine feste Größe ist, sondern ein in ständiger Veränderung begriffenes, den Jahres- und Tageszeiten unterworfenes, Wind und Wetter ausgesetztes Ensemble aus topographischen und klimatischen Besonderheiten. Was er sieht, ist der schwierige und für den Betrachter sicher nicht immer leicht nachvollziehbare Versuch, sich mit den Mitteln der Malerei einer im Sichtbaren nicht aufgehenden Vorstellung von Landschaft anzunähern, Landschaft im Medium der Malerei neu zu entdecken und zu formulieren.

Was ist damit gemeint, und wie geht das vor sich? Die späteren Bilder sind meist mit Acryl gemalt, einer Farbe, die es erlaubt, sehr dünn und sehr flüssig zu malen. Der Maler kann den Pinsel beiseite legen und zum Beispiel durch ein leichtes Kippen der Leinwand die Farbe dazu bewegen, in eine bestimmte Richtung zu fließen, sich über die Grundierung oder eine schon vorhandene Farbfläche zu legen, sich an trockenen Farbrändern zu stauen oder sich in noch feuchten Farbzonen zu verlieren, in einer klaren Begrenzung stehen zu bleiben oder in unregelmäßigen Konturen auszufransen. Das ist bis zu einem gewissen Grad steuerbar, aber sicher nicht voll kalkulierbar. Auf jeden Fall bedarf es dafür einer intimen Kenntnis und Beherrschung der künstlerischen Mittel und der Bereitschaft, sich von den Ergebnissen überraschen zu lassen, das Unerwartete zu akzeptieren.

Das hindert den Maler nicht daran einzugreifen, überschüssige Farbe mit einem Tuch wegzunehmen oder mit dem Pinsel oder einem anderen Gerät in die noch feuchte Farbe zu gehen. Dann kommt die darunter liegende Farbschicht in Flecken und Streifen zum Vorschein und lässt an Steine im Boden, an das Licht hinter einer Wolkenwand, an den feuchten Grund einer Wiese denken. Die an manchen Stellen noch sichtbare Grundierung oder die in Teilen unbemalte Leinwand korrespondieren mit den bemalten Flächen und werden als gleichwertige Elemente des Bildes akzeptiert. Hermann Ehmer liebt es, eine transparente Farbfläche über die andere zu legen, nicht nur zwei, sondern oft mehrere, bis jene merkwürdigen, schwer zu benennenden Farbfelder entstehen, die an das satte Gelb eines Getreidefeldes, an das durchsichtige Grau-Violett eines im Dunst liegenden Höhenzuges, an das matt glänzende Schwarz-Braun eines umgepflügten Ackers, an die rotglühende Weite einer Wüste erinnern – erinnern, denn es sind ganz sicher nicht die Gegenstandsfarben, die wir einmal gelernt haben und die wir zu kennen meinen.
Ehmers Farben sind im Wortsinn unbeschreiblich – von großer Intensität und sinnlicher Prägnanz und derart reich an Zwischentönen, dass der, der darüber reden möchte, schnell an seine Grenzen kommt.

Ehmer hat von der „Farbhaut“ seiner Bilder gesprochen. Das ist eine schöne Bezeichnung, weil sie auf die sinnliche Qualität, die Durchlässigkeit und Lebendigkeit der Farbflächen und den Prozess des Malens Bezug nimmt. Wie eine Haut wirken die Farbfelder durchsichtig-zart und sanft oder auch spröde und rau. Dürften wir sie berühren, würden wir vielleicht damit rechnen, dass sie sich kühl oder warm, hart oder weich, feucht oder trocken anfühlen.

Dass es Ehmer in diesen Bildern nicht einfach um Farbe als Material geht, sondern um Farbe als ein die Imagination – nicht die Illusion! – beförderndes Medium, lässt sich besonders in den Randzonen seiner Bilder ablesen. Hier bleibt in schmalen über- und untereinander liegenden unregelmäßigen Farbstreifen sichtbar, welche Farbschichten am Aufbau des Bildes und an der Formation einer Landschaft beteiligt waren.

Für Hermann K. Ehmer besteht die Anziehungskraft der Malerei darin, dass sie immer neue Überraschungen und Entdeckungen für ihn bereithält. Sie erlaubt es ihm, Landschaft malend zu produzieren, zu imaginieren und in diesem Prozess eigene Erfahrungen und Erinnerungen an Landschaft sinnlich bewusst zu machen, diese gleichsam neu zu entdecken. Im Malen selbst findet, erfindet Ehmer seine Landschaften. Es ist wohl nicht so, dass er sie vorher nicht gesehen hat, aber im Prozess des Malens entstehen sie mit jedem Bild neu. Man muss sich Zeit für Hermann Ehmers Bilder nehmen, obwohl doch auf ihnen scheinbar nicht viel passiert. Doch es passiert eine ganze Menge auf ihnen, und es ist ein besonderer Genuss, dies zu entdecken und zu erkennen.

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